Über das Projekt

»Nicht einmal das Schweigen« konfrontiert uns mit einer kulturellen Konstellation, in der das Wort und der freie Gedanke von einem autoritären Herrschaftssystem zum größten Feind erklärt wurden. Als Inbegriff von Meinungsfreiheit und kritischen Denken sind sie die letztverbliebene Hoffnung, eine vom Staatsapparat sedierte Bevölkerung aufzuwecken, um für ihre Rechte einzustehen.

Auslöser des Projekts war die mehrmonatige Inhaftierung der türkischen Autorin Aslı Erdoğan, eine von vielen Opfern der türkischen Zensur. Gerade ihre Texte eröffnen die Frage, welche politische Verantwortung Kunst und Literatur übernehmen.

Erstmalig wird Erdoğans Werk auf die Bühne gebracht, indem während des Probenprozesses gemeinsam mit der Autorin eine Collage aus ihren Texten kreiert wird, in der sie als Hauptperson in vielfach verschobener Form Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung sein wird. Ihre Texte fließen in unterschiedliche theatrale »Textkörper«. Gemeinsam mit tänzerischen Elementen, audio-visuellen Installationen und szenischem Spiel schaffen sie die Bilder, das Dramatische und die Stimmung. Hierfür werden mit Jugendlichen innerhalb mehrerer Workshops neue Ausdrucksformen entwickelt. Die in diesem Prozess entstandenen Szenenmodelle fließen in die multimediale Stückentwicklung ein.

Seit 2016 setzt sich der Cocon-Verein intensiv mit dem Schaffen Aslı Erdoğans auseinander. Als Symbolfigur für den Kampf um Meinungsfreiheit, gegen politische Willkür und Diskriminierung in der Türkei zählt die ausgebildete Physikerin Erdoğan zu den international renommiertesten türkischen Schriftstellerinnen. Nachdem sie 2016 wegen ihrer Beiträge in der kurdisch-türkischen Zeitung Ö̈zgür Gündem vier Monate lang inhaftiert wurde, setzte Cocon mit der internationalen Video-Aktion »Ich lese Aslı Erdoğan« eine Bewegung in Gang, in der namhafte Persönlichkeiten wie Elfriede Jelinek Texte der Autorin verlasen, um für ihre Freilassung zu demonstrieren. Im Zuge dieser Aktion entstanden 50 Videobeiträge, die Teil der Performance »Nicht einmal das Schweigen« werden sollen.

Ausgelöst durch diese Aktion und angesichts der sich stetig verschlechternden Menschenrechtssituation machte der Verein die demokratische Wertevermittlung zum Teil seiner Arbeit: Was bedeutet Demokratie und in welcher Wechselwirkung steht ein demokratisches Europa mit angrenzenden Konfliktstaaten wie der Türkei? Auf dieser Basis initiierte Cocon im Jänner 2018 szenische Lesungen mit Texten aus Erdoğans Werk im WUK Frauenzentrum und im WERK X. An dieser Lesung nahm auch die Autorin teil, was der Veranstaltung große mediale Aufmerksamkeit brachte.


Details zum Projekt »Nicht einmal das Schweigen«